Warum Friedrich Merz kommunikativ nicht im Kanzleramt ankommt

Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Rede beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ©Bundesregierung/Steffen Kugler
Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Rede beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ©Bundesregierung/Steffen Kugler

Als Friedrich Merz beim DGB-Bundeskongress ausgebuht, ausgepfiffen und ausgelacht wurde, war das ein Symbol für ein größeres Kommunikationsproblem: Merz spricht noch immer häufig wie ein Oppositionspolitiker, obwohl er längst Kanzler ist.

Ein Kanzler muss unpopuläre Wahrheiten aussprechen. Dafür wird er mit Sicherheit nicht von allen Gruppen in der Bevölkerung gefeiert. Genau das gehört zum Amt. Doch wohl kaum ein anderer Kanzler der vergangenen 30 Jahre ist derart kommunikativ unbeholfen wie Merz. Das Problem: Merz moderiert viele Konflikte nicht, sondern verschärft sie. Er erklärt nicht nur, er markiert Gegner. Er analysiert nicht nur, er triggert. Und genau darin liegt seine zentrale kommunikative Schwäche.

Opposition: Zuspitzung als Methode

In der Opposition funktionierte diese Methode teilweise. Wir erinnern uns zum Beispiel an den Begriff von den „kleinen Paschas“ nach den Silvesterkrawallen 2022/23. Er brachte Merz maximale Aufmerksamkeit. Inhaltlich wollte er über Integrationsprobleme sprechen. Kommunikativ blieb aber vor allem ein pauschalisierender Begriff hängen, dem schon in der Sendung widersprochen wurde. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani warf ihm vor, Stereotype zu reproduzieren.

Ähnlich bei der Zahnarzt-Aussage im September 2023. Merz sagte im Welt-Talk über abgelehnte Asylbewerber, diese säßen beim Arzt, ließen sich „die Zähne neu machen“, während deutsche Bürger:innen keine Termine bekämen. Das Handelsblatt dokumentierte die Aussage und die anschließenden Populismus-Vorwürfe.

Beide Fälle zeigen dasselbe Muster: Ein reales Thema wird nicht präzisiert, sondern emotional aufgeladen. Aus Integrationspolitik wird eine Abwertungsgeste. Aus Überlastung im Gesundheitssystem wird ein Konkurrenzbild zwischen „deutschen Bürgern“ und Geflüchteten. Das schafft Aufmerksamkeit, aber zeugt nicht von Lösungskompetenz.

Der AfD-Moment: Taktischer Sieg, strategischer Schaden

Der eigentliche Bruch kam im Januar 2025, noch vor seiner Kanzlerschaft. Die Union brachte im Bundestag einen Fünf-Punkte-Plan zur Migrationspolitik durch. Die Mehrheit kam mit Stimmen der AfD zustande. Die ZEIT berichtete vom Jubel der AfD nach der Abstimmung.

Kommunikativ war das fatal. Merz wollte Stärke in der Migrationspolitik zeigen. Gesendet wurde aber ein anderes Bild: Die AfD half der Union zur Mehrheit. Für ein Land, in dem die Abgrenzung nach rechts jahrzehntelang zur politischen Grundausstattung gehörte, war das ein Symbolmoment. Man kann darüber streiten, ob der Antrag inhaltlich richtig war. Strategisch war die Botschaft jedoch schwach. Merz gewann eine Abstimmung und verlor die Deutungshoheit. Hier brachte er große Teile des progressiven Lagers gegen sich auf. Selbst Ex-Kanzlerin Merkel schaltete sich in die Debatte ein. Bis heute bleibt die Frage, warum Merz diesen bedeutungslosen Antrag unbedingt durchboxen musste.

Kanzleramt: Der Ton bleibt, die Rolle hat sich geändert

Seit dem 6. Mai 2025 ist Merz Kanzler – im zweiten Wahlgang erreichte er die nötigen Stimmen. Genau hier beginnt sein Kernproblem. Ein Kanzler kann nicht dauerhaft so sprechen wie ein Fraktionschef im Angriffsmodus. Er muss nicht allen gefallen, aber er muss mehr Gruppen integrieren, als er mobilisiert. Das gelingt ihm bisher schlecht.

Bei der „Stadtbild“-Debatte im Oktober 2025 sagte Merz im Zusammenhang mit Migration (schon wieder), man habe „natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“. Später verwies er darauf, man solle seine Töchter fragen, was gemeint sei. Genau diese Andeutungspolitik war kommunikativ riskant: nicht klar genug für eine seriöse Problembeschreibung, aber deutlich genug, um kulturelle Ressentiments zu aktivieren. Die Aussage löste breite Kritik aus, auch wenn CDU-Ministerpräsidenten wie Boris Rhein und Mario Voigt Merz verteidigten.

In Brasilien zeigte sich dasselbe Problem auf internationaler Bühne. Nach seinem Besuch beim Klimagipfel in Belém sagte Merz, niemand aus seiner Delegation habe dort bleiben wollen, alle seien froh gewesen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. ZDFheute dokumentierte die Empörung in Brasilien und die Kritik an der Aussage als „unverschämt“, „arrogant“ und „außenpolitisch taktlos“.

Auch seine Arbeitszeit-Rhetorik trifft viele Menschen frontal. Im Januar 2026 sagte Merz, mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lasse sich der Wohlstand nicht erhalten. Außerdem verwies er darauf, Menschen in der Schweiz arbeiteten im Schnitt 200 Stunden mehr pro Jahr, genetische Unterschiede gebe es dafür nicht.

Das mag als wirtschaftspolitischer Appell gemeint sein. Kommunikativ kommt bei vielen Beschäftigten an: Ihr arbeitet zu wenig. Gerade vor Gewerkschaften ist das toxisch. Wer Menschen zu mehr Leistung bewegen will, sollte nicht zuerst ihre Haltung infrage stellen. Das ist keine geheime Weisheit, sondern unter Expert:innen fast einstimmig Konsens.

Der Empathie-Test, den Merz nicht besteht

Besonders schwer wiegt ein Bürgerdialog in Salzwedel vor einigen Wochen. Dort wurde Merz nach Medienberichten von einer todkranken Frau konfrontiert. Die Clips dazu gingen viral. In den Ausschnitten wirkt Merz empathielos. Deutschlandfunk berichtete, ihm sei vorgeworfen worden, die Frau belehrt oder zurechtgewiesen zu haben, ohne Einfühlungsvermögen zu zeigen.

Solche Momente sind kommunikativ entscheidend. Sie zeigen, ob jemand situativ führen kann. Ein Kanzler muss in solchen Momenten nicht perfekt antworten. Aber er muss erkennbar zuhören, innehalten, menschlich reagieren. Wenn stattdessen der Eindruck von Kälte entsteht, beschädigt das mehr als eine schlechte Formulierung. Vor allen Dingen, wenn sich diese ungeschickten Äußerungen immer und immer wiederholen.

Dass politische Kommunikation auch anders funktionieren kann, zeigt derzeit Zohran Mamdani in New York. Ihm gelingt kommunikativ etwas Entscheidendes: Er spricht konfliktorientiert, ohne permanent abwertend zu wirken. Mamdani verbindet politische Botschaften fast immer mit konkreten Alltagsproblemen wie Mieten, Lebenshaltungskosten oder Nahverkehr und schafft dadurch Anschlussfähigkeit über die eigene Kernzielgruppe hinaus. Seine Kommunikation wirkt nahbar, klar und sozial aufgeladen, ohne ständig neue kulturelle Nebenfronten zu eröffnen. Genau diese Fähigkeit, Kritik mit Zugewandtheit zu verbinden, fehlt Merz bislang häufig.

Die Zahlen bestätigen das Problem

Die schlechten Beliebtheitswerte von Merz sind deshalb kein Zufall. Laut ZDF-Politbarometer hielten im April 2026 nur noch 30 Prozent der Befragten Merz’ Arbeit als Kanzler für „eher gut“, 65 Prozent waren unzufrieden. ZDFheute ordnete ein, dass Merz nach einem Jahr im Amt deutlich schlechter abschneidet als Angela Merkel und Olaf Scholz im vergleichbaren Zeitraum.

Noch härter fällt der internationale Vergleich aus: Laut Euronews lag Merz im April 2026 bei Morning Consult mit 19 Prozent Zustimmung auf dem letzten Platz unter 24 demokratisch gewählten Regierungschef:innen. Merz hat einen der schlechtesten Kanzlerstarts der Bundesrepublik hingelegt, und seine Kommunikationsweise trägt sichtbar dazu bei.

Das eigentliche Versagen: Merz sendet, aber er verbindet nicht

Meine Meinung dazu: Friedrich Merz hat ein Kommunikationsproblem, weil er den Rollenwechsel nicht vollzogen hat. Als Oppositionspolitiker konnte er Reibung erzeugen. Als Kanzler müsste er Orientierung geben. Das ist ein anderer Job.

Ein Kanzler darf Konflikte benennen. Er darf auch Reformen verlangen. Er darf Zumutungen aussprechen. Aber er muss dabei erklären, verbinden und Vertrauen aufbauen. Merz dagegen produziert oft das Gegenteil: maximale Reizung bei minimaler Einbindung.

Seine Sätze funktionieren wie Streichhölzer. Sie entzünden Debatten, die er gar nicht anstoßen wollte. Genau deshalb bleiben von vielen seiner Auftritte nicht Reformideen hängen, sondern Kränkungen, Abwertungen und Nebenschauplätze.

Der DGB-Auftritt war deshalb kein Betriebsunfall. Er war die logische Folge einer Kommunikation, die zu lange auf Konfrontation gesetzt hat und nun im Kanzleramt an ihre Grenzen stößt.

Quellen

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