Oktoberfest-Plakat 2026: KI-Vorwurf erschüttert München

Was der Streit um das Münchner Oktoberfest-Plakat über Vertrauen, Kreativität und Kommunikation verrät
Inhalt
Die Stadt München musste sich in diesen Tagen öffentlich erklären. Anlass war das offizielle Plakatmotiv für das Oktoberfest 2026. Kurz nach der Veröffentlichung tauchten in sozialen Netzwerken Vorwürfe auf: Das Motiv sehe „typisch nach KI aus“. Einzelne Designer verwiesen auf Details, die sie für generiert hielten.
Die Reaktion der Stadt war bemerkenswert. Sie prüfte das Motiv intern und extern, ließ Dateien analysieren, zog unabhängige Grafiker:innen hinzu und stellte klar: Es gebe keine Hinweise auf den Einsatz von KI-Bildgeneratoren. Gleichzeitig wurde ein anderes eingereichtes Motiv disqualifiziert, weil dort der KI-Verdacht bestätigt wurde.
Damit war aus einem Designwettbewerb plötzlich ein Reputationsfall geworden.
Der eigentliche Kern: Vertrauen, nicht Technik
Technisch betrachtet ist die Frage banal: Wurde ein KI-Bildgenerator genutzt oder nicht? Kommunikativ ist sie hochsensibel. Ein offizielles Oktoberfest-Plakat ist kein beliebiges Werbemotiv. Es steht für Tradition, Handwerk, Wettbewerb sowie gerade in Bayern für kulturelle Identität. Wenn der Eindruck entsteht, hier habe „eine Maschine“ statt einer Person gestaltet, verschiebt sich für viele die Wahrnehmung des Wertes.
Entscheidend ist dabei: Schon der Verdacht reichte aus, um eine öffentliche Rechtfertigung auszulösen. Das ist für Kommunikationsverantwortliche die eigentliche Nachricht. Denn während wir alle täglich KI nutzen und viele Programme einem die Anwendung fast schon aufdrängen, wird KI hier plötzlich als etwas Minderwertiges angesehen. Sind wir alle schon KI-müde geworden? Durch die genersiche Masse an KI-Content, die einem im Netz entgegengeschleudert wird, scheint es fast so.
Die neue Erwartung: Nachweisbarkeit
Die Stadt München hat Arbeitsprozesse offengelegt, Dateien geprüft und externe Expertise eingebunden. Genau das wird zunehmend Standard, sobald KI im Raum steht. Bemerkenswert ist dabei, dass durch diese Differenzierung implizit eine Wertung vorgenommen wird: Der Einsatz von KI-Bildgeneratoren wird im Wettbewerbsrahmen faktisch als „nicht zulässig“ und damit als nicht gleichwertige künstlerische Leistung definiert, während Retuschen, digitale Kompositionen, Vektorarbeiten oder softwaregestützte Bearbeitung als legitimes Handwerk gelten.
Das ist eine kulturelle Grenzziehung, die nichts mit der Technik zu tun hat.
Photoshop, Illustrator oder andere Programme greifen ebenfalls massiv in Bilder ein. Perspektiven werden verändert, Elemente ergänzt, Farben verfremdet, Lichtstimmungen konstruiert. Trotzdem gelten diese Eingriffe als Ausdruck kreativer Kontrolle.
Beim KI-Bildgenerator hingegen verschiebt sich die Zuschreibung von Autorschaft. Nicht mehr die ausführende Person steht im Mittelpunkt, sondern das System, das Inhalte auf Basis statistischer Muster erzeugt. Genau dort beginnt die Irritation.
Man kann das kritisch sehen. Denn auch bei klassischen Tools entstehen viele Effekte automatisiert. Gleichzeitig ist die Abgrenzung nachvollziehbar: Wer generiert, statt zu gestalten, übernimmt eine andere Rolle im kreativen Prozess.
Für Kommunikation heißt das: Die Frage lautet künftig weniger „Wurde Software genutzt?“, sondern „Wer hatte die kreative Hoheit?“
Und diese Frage wird nicht technisch entschieden, sondern normativ.
Diese Erwartung betrifft nicht nur Kunstwettbewerbe. Sie betrifft:
- Kampagnenmotive
- Corporate Design
- Social-Media-Visuals
- Thought-Leadership-Beiträge
- Whitepaper
- Pressefotos
Überall dort, wo Glaubwürdigkeit eine Rolle spielt.
Warum KI in kreativen Kontexten emotionaler diskutiert wird
In der Contentproduktion wird KI längst akzeptiert. Texte, Zusammenfassungen und Datenanalysen gehören zum Alltag.
Bei visueller Kreativität ist die Hemmschwelle deutlich höher. Warum?
Weil Kreativität kulturell stark mit Individualität und Autorschaft verbunden ist. Ein Motiv ist nicht nur Output, sondern Ausdruck. Wird dieser Ausdruck als „automatisiert“ wahrgenommen, entsteht schnell das Gefühl von Austauschbarkeit.
Ob diese Wahrnehmung sachlich immer gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Aber sie existiert. Und in Kommunikation zählt Wahrnehmung.
Drei strategische Lehren für PR und Marketing
1. Definieren, was erlaubt ist
In München waren KI-Bildgeneratoren verboten, KI-basierte Bearbeitungstools hingegen erlaubt. Diese Differenzierung ist entscheidend.
Unternehmen brauchen klare, intern abgestimmte Definitionen: Was gilt als KI-Einsatz? Was ist Assistenz, was ist Generierung? Wo ziehen wir die Grenze?
Unklare Regeln führen zwangsläufig zu Reputationsrisiken.
2. Prozesse dokumentieren
Wer KI nutzt, sollte dokumentieren, wie sie genutzt wird, um Vorsorge gegenüber öffentlichen Debatten zu treffen. Nachvollziehbarkeit wird zu einem Bestandteil professioneller Kommunikationsarbeit.
Das gilt besonders in sensiblen Bereichen wie Kultur, Politik, Bildung oder öffentlicher Verwaltung. Denn seien wir mal ehrlich, auch bei Politikerinnen und Politikern schreibt in Social Media immer häufiger die KI.
3. Transparenz aktiv gestalten.
Wenn KI bewusst eingesetzt wurde, kann eine klare Offenlegung Vertrauen schaffen. Wenn sie nicht eingesetzt wurde, sollte man im Zweifel in der Lage sein, das belegbar darzustellen. Was immens schwierig sein wird. Beides erfordert auf jeden Fall Vorbereitung.
Was das für Kommunikationsverantwortliche bedeutet
KI ist kein Experimentierfeld mehr. Sie ist Teil der operativen Realität. Gleichzeitig steigt die Sensibilität der Öffentlichkeit. Der Münchner Fall zeigt nicht, dass KI problematisch ist, auch wenn einige Medienberichte das Nahelegen. Er zeigt eher, dass Vertrauen fragil ist. Und genau dort beginnt strategische Kommunikation.
Wenn Sie als Unternehmen KI in kreativen Prozessen einsetzen oder einsetzen wollen, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme:
- Welche Regeln gelten bei euch?
- Wer entscheidet?
- Wie würden ihr reagieren, wenn morgen jemand öffentlich einen KI-Vorwurf erhebt?
Die Antworten darauf sollten nicht erst im Krisenfall entstehen.
Quellen
- Landeshauptstadt München (2026): „Oktoberfest-Plakat 2026: Stellungnahme zum KI-Vorwurf.“
- WELT (2026): „Wiesn-Plakat: Stadt weist Vorwurf von KI-Einsatz zurück.“
- t-online (2026): „Kritik am Oktoberfest-Plakat: Wurde KI eingesetzt?“
- Wikipedia (2026): „KI-Kunst.“


